Nathalie de Vries, niederländische Architektin und Mitbegründerin von MVRDV, im Gespräch mit Prof. Christian Heuchel und derarchitektmitderpuppe

Wir haben uns in den Räumen der Kunstakademie Düsseldorf getroffen. Zwischen alten Gipsabgüssen und weißen Repliken antiker Skulpturen herrscht eine ruhige, konzentrierte Stimmung. Kunst und Geschichte sind präsent, ohne sich aufzudrängen.
Im Gespräch ging es um Architektur, ihre Beziehung zur Kunst, ihre Praxis und ihre Bedingungen – begleitet von Fragen von derarchitektmitderpuppe.
Spielt Kunst eine Rolle in eurer Arbeit?
Nathalie de Vries
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Mein großes Interesse an der Kunst, spezifisch die De Stijl Gruppe waren der Grund, weshalb ich Architektur studiert habe. Besonders geprägt haben mich die Fotografen der Becher-Schule, aber auch die elektronische Musik, mit ihren Wurzeln zum Teil in Düsseldorf, die mir als Studentin begegnet ist. An der Akademie geht es darum, eine Haltung zu entwickeln – daraus entstehen neue Ideen. Als ich begann, hier zu unterrichten, habe ich intensiv über den Begriff Baukunst nachgedacht. Künstlerische Sichtweisen fließen stark in meine Arbeit ein. Architektur entsteht für mich aus einem breiten kulturellen Feld: Kunst, Kunstgeschichte, Politik, Gesellschaft.
Christian Heuchel
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Die Künstler an der Akademie sind ein Garant für eine weltweit einzigartige Ausbildung. Sie bewegen sich entlang eines imaginären roten Fadens durch die Geschichte. Innerhalb dieses Terrains entstehen Verschiebungen – das Neue.
Ich liebe dieses Egoistische, Kämpferische der Künstler. Heute ist es wieder eine Aufgabe der Architektur, mit zeitgenössischer Kunst Schritt zu halten.
Der Künstler arbeitet frei? Ihr habt Aufträge, Zwänge, Funktionen?
Nathalie de Vries
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Das stimmt. Künstler gehen oft weiter als wir, ignorieren Grenzen. Genau deshalb arbeiten wir so gerne mit ihnen – besonders mit jenen, die sich zwischen Kunst und Architektur bewegen und sich intensiv mit Raum beschäftigen. Diese freie Perspektive reizt uns sehr. Für Architekten ist genau die Begrenzung selbst eine große Inspiration.
Christian Heuchel:
Freiheit ist für mich etwas sehr Persönliches. Oft bringen mich gerade Regeln in Bewegung. Früher waren die Disziplinen klar getrennt, heute verschmelzen sie. Trotzdem mag ich Grenzen – damit ein Gemälde Gemälde bleibt und Architektur Architektur. Meine Arbeit ist suchend, unruhig. Ich muss wach bleiben. Das Sprechen über Prozesse ist dabei essenziell. Grenzen auszutesten, führt oft zum Ungewöhnlichen.
Warum muss alles neu sein?
Nathalie de Vries:
Was wir als „neu“ wahrnehmen, entsteht meist aus der Art, wie wir entwerfen. Wir setzen uns intensiv mit dem Bestehenden auseinander, mit technologischen, ökonomischen, ökologischen und ästhetischen Grenzen, die wir akzeptieren müssen. Vielleicht liegt genau darin das Neue: etwas zu finden, woran niemand mehr gedacht hat. Dass wir uns heute mit Themen beschäftigen, die Künstler bereits in den 60er- und 70er-Jahren bearbeitet haben, zeigt, wie relevant diese Auseinandersetzungen waren.
Christian Heuchel:
Der Wunsch nach Veränderung hat uns doch alle einmal gepackt. Architektur braucht das Um-die-Ecke-Denken, den jungen Geist. Ich komme aus dem Umfeld von Haus-Rucker-Co und Ortner & Ortner – dort wurde die Trennung von Kunst und Architektur aufgehoben. Diese Haltung ist eine Erbschaft, ein Mythos, der weitergetragen werden muss. Unsere Projekte sind offen, uns interessiert das Unvorhersehbare. Wir lieben das Mischen von Ideen, auch das Unsaubere. Und trotzdem kehren wir am Ende oft zum Bekannten zurück.
Am Ende ist ein Haus doch nur ein Haus. Wo liegen eure Qualitäten?
Nathalie de Vries
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Wir sind besessen davon, unsere Auftraggeber zu überzeugen. Viele Projekte lassen sich in zwei Kategorien einteilen: dauerhafte, schwere Gebäude – und solche, bei denen wir nur spezifische Teile gestalten. Manchmal entwerfen wir Hüllen mit variablen Innenräumen, manchmal fast riesige Möbel. Viele Kunden wissen nicht genau, was sie wollen. Unsere Aufgabe ist es, Werkzeuge zu finden, um Lösungen zu entwickeln, von denen sie nicht wussten, dass sie sie brauchen.
Christian Heuchel
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Architektur ist nicht temporär. Das ist ihre Verantwortung. Gebäude stehen vielleicht 300 Jahre. Sie werden von der Stadt aufgenommen, egal wie.
Architektur darf auch Humor haben. Nicht alles muss bierernst sein. Manche Gebäude entwickeln ein Eigenleben an Interpretationen – das ist wunderbar. Trotzdem: Nur ein Bruchteil dessen, was heute gebaut wird, ist für mich Baukunst. Der Rest ist Funktion.
Überdauert das Traditionelle die Moden?
Nathalie de Vries
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Traditionalismus bleibt oft an der Oberfläche. Dahinter verändern sich Nutzung, Stadt, Gesellschaft radikal. Für mich ist das ein Stil geworden – mehr als Tradition. Gebäude können Widerstand leisten, einfach da sein. Und genau darin liegt ihre Stärke.
Christian Heuchel
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Jeder Bau muss heute mit dem Alten umgehen. Manchmal bauen wir neutral weiter – das ist schwer auszuhalten, weil es fast autorenlos ist. Unsere Stärke liegt darin, Atmosphären zu lesen. Heute bauen wir Stadt: große Körper, kleine Eingriffe, immer ortsbezogen. Der Ort steht im Mittelpunkt.

